Ballon d’Or – wer entscheidet, wer gewinnt, welche Kriterien sind wichtig und warum ist das System unfair?

France Football hat den Ballon-d’Or Award für die Saison 2020 abgeblasen. Dieser Titel gilt in der Fußballbranche als die größte Auszeichnung, die ein Spieler individuell gewinnen kann. Um es klar zu sagen: Der Gewinner kann sich für eine Saison als bester Spieler der Welt bezeichnen! Es gibt also keinen Titel, der individuell mehr wert wäre.

Lionel Messi hat den Titel sechsmal geholt, Cristiano Ronaldo fünfmal. Kein Wunder, dass die beiden als die besten Spieler der letzten 15 Jahre im Weltfußball gelten. Wie schon in unserem vorherigen Artikel erwähnt, sind wir der Meinung, dass Bayern-Star Robert Lewandowski den Award in dieser Saison mehr als jeder andere Star verdient hätte. Zeit also, sich die Verleihkriterien und Entscheidungsparameter des Ballon-d’Or Awards noch einmal genauer anzusehen.

Wer entscheidet über den Ballon d’Or?

Zunächst einmal muss man wissen, wer eigentlich die Entscheidung bei der Verleihung des Awards trifft. Tatsächlich handelt es sich um 30 von France Football ausgewählte Top-Spieler sowie 176 Journalisten aus vielen Ländern, die als Juroren fungieren. Diese sind normalerweise an folgende Kriterien gebunden:

  • Individuelle und kollektive Leistungen während einer Saison
  • Individuelle Klasse des Spielers
  • Karriere des Spielers

Wie diese Kategorien gewichtet werden, ist jedoch dem einzelnen Juror überlassen. Das Problem ist also, dass vergangene Leistungen, die schon vor Jahren erbracht wurden, durchaus höher gewichtet werden könnten als die Leistungen, die während der zu bewertenden Saison erbracht werden. Das bedeutet also, dass Spieler, die eine sehr große internationale Reputation haben, wahrscheinlich besser abschneiden werden als Spieler, denen dieses Standing fehlt. Lewandowski hatte zwar schon vor dieser Saison international hervorragende Leistungen erbracht, auf dem Schirm der Journalisten aus Südeuropa und Südamerika ist er aber trotzdem nicht wirklich aufgetaucht.

Ein genauer Blick auf die Resultate vergangener Wahlen zeigt, dass bei den Journalisten häufig nach nationalen Gesichtspunkten abgestimmt wird. Zum Beispiel wird Lionel Messi bei den argentinischen Journalisten grundsätzlich auf Position 1 gewählt, auch wenn er in einer Saison sportlich nicht die Nummer 1 war. Das zeigt, dass die Kriterien leider keine Verpflichtung zu einer objektiven Leistungsbewertung beinhalten. Wäre das der Fall, dann wäre Lewandowski bei einer Durchführung der Wahl sicherlich auf dem 1. Platz für das Jahr 2020 gelandet.

Warum wurde die Wahl abgesagt?

France Football hat jedoch, wie bekannt, die Wahl für 2020 abgesagt, da angeblich eine faire Leistungsbewertung durch die Corona-Pandemie nicht möglich sei. Warum eigentlich nicht? Außer der französischen Liga haben alle Top-Ligen Europas – La Liga, Premier League, Bundesliga und Serie A – ihre Saisons mittlerweile zu Ende gespielt. Kann die Entscheidung von France Football also daran liegen, dass keine französischen Stars aus der heimischen Liga für den Sieg infrage kommen?

Kylian Mbappé, Star der WM 2018 in Russland, der den Titel auch noch nicht erhalten hat, galt nicht als möglicher Siegeskandidat für 2020. Hätte Mbappé bei Real Madrid oder dem FC Liverpool gespielt und wäre der große Favorit für den Ballon d’Or 2020 gewesen – hätte France Football dann dieselbe Entscheidung getroffen, den Award abzusagen? Wir bezweifeln das stark!

Objektivität ist nicht immer eine Stärke der Entscheidungsträger, wie schon der Ballon d’Or 2019 bewiesen hat. Virgil van Dijk vom Champions-League-Sieger FC Liverpool galt bei den meisten Experten als der große Favorit auf den Titel. Am Ende wurde es jedoch wieder Lionel Messi. Van Dijk ist leider nur Abwehrspieler, also weniger spektakulär als die Spieler, die in der Offensive spielen. Ähnliche Umstände haben im Jahr 2014 dazu geführt, dass der deutsche Torwart Manuel Neuer ebenfalls den Ballon d’Or nicht gewinnen konnte. Er war nicht nur der beste Torwart der Welt im Jahr 2014, sondern hat damals die Fußballtaktik revolutioniert, da er praktisch als zwölfter Feldspieler fungierte. Viele Top-Torhüter haben diese Taktik übernommen.

Robert Lewandowski ist zwar Stürmer, kommt aber aus einer Nation, die traditionell nicht das höchste Standing in der FIFA und UEFA hat. Nationale Faktoren sollten bei der Verleihung eines solchen Awards jedoch keine Rolle spielen, da es sich um einen individuellen Preis handelt, der nur den einzelnen Spieler und seine Leistungen beleuchtet und bewertet.

Steckt Politik hinter dem Ballon d’Or?

Hinter den Kulissen scheint die Lobby-Arbeit einiger weniger mächtiger Figuren aus der Fußballwelt, die hauptsächlich eine Verbindung zu den großen spanischen Clubs wie Real Madrid und dem FC Barcelona haben, eine entscheidende Rolle zu spielen. Nur so ist die extreme Dominanz der Südeuropäer zu erklären. Auch der Einfluss von mächtigen Sportmagazinen wie Marca und AS auf die journalistischen Juroren ist beträchtlich. Durch die große Anzahl der spanischsprachigen Länder ist der Einfluss solcher Magazine größer als der des deutschen Kicker-Magazins. Die Lobby-Arbeit aus Polen dürfte kaum Einfluss auf die von Südeuropäern dominierte Wahl haben. Hier liegt also der Kern des Problems begraben.

Robert Lewandowski hat im Vergleich zu anderen internationalen Stars einfach keine große Lobby, die ihn unterstützt. Deshalb gibt es auch kein besonderes Interesse, die Wahl in diesem Jahr durchzuführen. Sein einflussreichster Unterstützer ist wohl Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge, der direkt bei FIFA-Präsident Gianni Infantino intervenieren will, um France Football zu überzeugen, doch noch eine Wahl durchzuführen.

Wir sind der Meinung, dass mehr Fußballfans auf die Unfairness dieser Entscheidung aufmerksam gemacht werden sollten. Wenn sich genug Leute bei France Football melden, vielleicht überdenken die Chefs des Magazins ihre Meinung ja noch einmal. Wenn Rummenigges Einfluss ebenfalls zum Tragen käme, dann hätte Robert Lewandowski zumindest die Chance, vielleicht doch noch gewählt zu werden.

Ein Vorbild für die Jugend

Das ist das Minimum an Fairness für die Leistungen eines bemerkenswerten Sport-Stars, der auch im Alter von über 30 viele Aspekte seines Spiels wie Strafstöße, Freistöße und die allgemeine Effizienz verbessern konnte – was auch im internationalen Vergleich außergewöhnlich ist. Dadurch ist er für die Jugend der Fußballwelt eines der besten positiven Beispiele dafür, was man durch harte Arbeit langfristig erreichen kann. Der Spruch passt selten besser als zum Lebensweg von Robert Lewandowski:

„Per aspera ad astra“.